Elektromobilität oder das Märchen von Nachhaltigkeit und Umweltschutz

Elektromobilität oder das Märchen von Nachhaltigkeit und Umweltschutz

2020-01-21T09:22:49+00:00January 17th, 2020|CEO Stephan Goericke, iSQI, Zugespitzt|
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Ein neues Jahrzehnt steht uns bevor. Zehn Jahre, in denen wir uns technologisch weiterentwickeln werden. Es werden viele Punkte diskutiert und aufgegriffen. Gerade zu Beginn des Jahrzehnts ist ein Punkt Dauerbrenner unter den Brandenburgern und in der Region: die Tesla-Ansiedlung. E-Mobilität als ein lokales Thema hier bei uns. Lesen Sie mehr im folgenden Artikel.

Nach verschiedenen Abgasskandalen ist der Ruf nach alternativen Antriebsformen groß. Umso passender, dass nun ein bedeutender Autohersteller Elektroautos in Brandenburg fertigen will. Tesla kommt also nach Grünheide und alle sind aufgeregt. Ich nehme das als Anlass, noch einmal verstärkt den Blick auf E-Mobilität zu lenken.

Seltene Erden als Monopol-Produkt in der Elektromobilität

Hinter elektrisch betriebenen Fahrzeugen stecken zwei Technologien. Die eine nutzt aufladbare Batterien als Antrieb, die andere Wasserstoff- und Brennstoffzellen.

Gerade die Herstellung von Autobatterien wird kritisch diskutiert. Weil knappe Rohstoffe und viel Energie bei der Produktion der Batterien benötigt wird und dabei eine hohe Emission entsteht. Die Umweltfreundlichkeit bzw. Nachhaltigkeit – was den Grundgedanken des Elektroautos ausmacht – ist also mehr als fragwürdig. Laut einer Studie von Dr. Matthias Buchert (Bereichsleiter am Öko-Institut für angewandte Ökologie) sind wichtige Ressourcen für Batterien wie Lithium und Kobalt zwar stark nachgefragt, aber wir müssen aufgrund der ausreichenden Menge an globalen Reserven nicht um die Versorgung bangen. Schwieriger ist es mit den sogenannten seltenen Erden (der Begriff für eine Gruppe von 17 Metallen). Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe meldet regelmäßig Lieferrisiken bei diesen knappen Metallen, die besonders für die Fertigung von Elektroautos benötigt werden. Dazu kommt, dass diese Ressourcen zum Großteil in China abgebaut werden (ca. 80 % der Weltproduktion) und der Export leicht zum Politikum werden kann. China hat diese Karte auch bereits im Handelskrieg zwischen den USA als Machtdemonstration ausgespielt. Allein die Tatsache, dass ein einzelnes Land die Macht hat, technologische Schlüsselrohstoffe für politische Verhandlungszwecke zu instrumentalisieren, sollte uns hellhörig machen. In den Medien wird das Thema allerdings nur wenig diskutiert. Dabei sind diese Rohstoffe extrem wichtig, denn sie werden nicht nur für die Elektromobilität genutzt, sondern auch in Katalysatoren, Legierungen, Magneten, Solaranlagen und Computern sowie in militärischen Anlagen.

Kohlenstoffdioxid-Werte für E-Autos variieren stark

Wir müssen also nett zu China sein, wenn die Vision von Elektroautos auf deutschen Straßen wahr werden soll. Der Umwelt zu liebe? Ich nehme die Pointe vorweg: Nein. Denn die Umwelt retten wir mit den E-Autos auch nicht wirklich. Vor ein paar Jahren war der Aufschrei groß: Elektrische Fahrzeuge seien viel umweltschädlicher als Verbrenner, betrachtet man den gesamten Herstellungsprozess inklusive Batterie. 2019 zeigt sich, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie gedacht. Die damals viel in den Medien zitierte Schweden-Studie des Umweltforschungsinstituts IVL von 2017 wurde inzwischen überholt und beziffert nun bessere Emissionswerte als die herkömmlichen Fahrzeuge in der Gesamtbetrachtung. Aber die Wende in der Umweltpolitik schaffen Elektroautos zum aktuellen Zeitpunkt trotzdem nicht. Der Wunsch nach höheren Reichweiten der elektrischen Fahrzeuge heben die bisher erreichten Emissionsvorteile quasi wieder auf. Das liegt daran, dass leistungsstärkere Batterien benötigt werden, die mehr Rohstoffe verschlingen und einen stärkeren CO2-Ausstoß verursachen.

Und überhaupt, welcher Statistik trauen wir bei diesem sensiblen Thema? Findet man nicht immer genau die passenden Zahlen, die man gerade sucht? Zum Beispiel belegt die aktualisierte Schweden-Studie pro Kilowattstunde produzierter Batteriekapazität im schlechtesten Fall 146 kg CO2. Eine deutsche Studie wiederum benennt im besten Fall einen Wert von 145 kg CO2. Fast gleiche Werte aber die Berechnungsgrundlagen sind verschieden. Warum? Besonders die Stromgewinnung, die bei der Herstellung von den Autos verwendet wird, unterscheidet sich bei den wissenschaftlichen Analysen. Nur wenn bei der Batterieproduktion ein hoher Anteil an alternativer Energie genutzt wird, können Elektroautos insgesamt geringere Emissionswerte erreichen. Nicht nur das – der Faden kann weitergesponnen werden, denn auch das Laden der Batterien hängt entscheidend von der Stromgewinnungsart ab. Gerade in Europa ist die Stromproduktion sehr unterschiedlich und so auch der damit verbundene CO2-Ausstoß. Laut Umweltbundesamt sind wir Deutschen immerhin mit 42 % Anteil regenerativer Energien am Strommix (2019) und einer Steigerung von 8 % zum Vorjahr ständig am Verbessern unseres ökologischen Fußabdrucks. Genau hier ist nämlich der große Fehler: Studien aus anderen Ländern werden überregional betrachtet und übertragen. Das geht aber oftmals nicht, da in den Ländern andere Voraussetzungen herrschen. Tatsächlich können die Emissionswerte, was den Verbrauch bei Elektroautos angeht, nur lokal betrachtet werden.

Aber wir haben ja noch Wasserstoff- und Brennstoffzell-betriebene Autos. Wer sich fragt, was nun mit diesen Fahrzeugen ist, den muss ich auch enttäuschen. Auch hier werden Batterien verwendet, die zwar kleiner sind und somit in der Herstellung weniger Ressourcen, weniger Strom und weniger Emission verursachen, aber prinzipiell ähnliche Verarbeitungsschritte durchlaufen.

Tesla mit Vollgas voran

Und Tesla, der Vorreiter und Pionier unter den E-Autos? Hat das Unternehmen die Musterlösung? Vielleicht nicht die allgemeingültige Lösung, aber immerhin hat sich die Firma hohe eigene Grundsätze gesetzt. So will Tesla laut eigener Aussage zu 100 % aus erneuerbarer Energie produzieren. Auch für die Herstellung der Produkte an sich sind laut der GfBU (die für die Beurteilung der Luftschadstoffemission der Gigafactory von Tesla in Grünheide zu ständig ist) „keine schädlichen Umwelteinwirkungen” der Anlage zu befürchten. Außerdem baut Tesla weltweit ein Recycling System für die Batterien auf, welches die wertvollen Metalle für die Neuverarbeitung wiedergewinnt. Aber auch andere Hersteller springen auf den Zug der Nachhaltigkeit auf. Tesla ist nicht der einzige Autoproduzent, der sich bei E-Mobilität auch bei vor- und nachgelagerten Schritten Gedanken macht. So bietet VW zum Beispiel einen eigenen CO2-freien Stromtarif für das Aufladen von Elektroautos an.

Das ist gut und geht in die richtige Richtung. Denn der Verkehr schlägt mit annähernd einem Drittel der Gesamt-CO2-Emissionen in Deutschland zur Buche. Also der Ansatzpunkt, Autos „sauberer” zu machen, ist absolut verständlich. Aber sind wir mal ehrlich: Nichtsdestotrotz gibt es noch zu viele Hürden, die überwunden werden müssen, um E-Autos als Meilenstein der Nachhaltigkeit zu bezeichnen. Elektroautos können erst als ernst zu nehmende Alternative verstanden werden, wenn alle komplexen vor und nachgelagerten Prozesse mit betrachtet und optimiert werden.

Fazit:

Innovationen gehen immer mit Verantwortung einher. Dieser Verantwortung sind wir uns durchaus bewusst. Die Suche nach „sauberen” Antrieben ist keine Modeerscheinung, sondern tatsächlich ein realer Wunsch unserer Gesellschaft. Es gibt Punkte bei der E-Mobilität, die uns noch aufstoßen lassen, von Ressourcenausbeutung hin zu Emissionsbelastung bei der Herstellung. Derzeit schaffen wir es noch nicht, eine akzeptable Wertschöpfungskette zu bilden. Mit Blick auf das Ziel, unsere Umwelt ein Stück sauberer und lebenswerter zu machen, sollten wir zielstrebig daran arbeiten. Erste Elektromotoren, die zum Beispiel auch gänzlich ohne Seltene Erden auskommen, gibt es bereits. Das reicht aber noch nicht! Das Automobil mit Verbrennungsmotor hat eine über 130-jährige Entwicklungsgeschichte. Ich hoffe, dass es nicht genauso lang dauert, das Elektroauto zu etablieren und zu optimieren.

Autor:        Stephan Goericke, CEO der iSQI GmbH