Zugespitzt! Schnell, schneller, am langsamsten – 5G-Netzausbau in Deutschland

Zugespitzt! Schnell, schneller, am langsamsten – 5G-Netzausbau in Deutschland

2020-01-21T09:26:27+00:00December 13th, 2019|CEO Stephan Goericke, iSQI, Zugespitzt|
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Der folgende Text reflektiert den 5G-Netzausbau in Deutschland und in Brandenburg. Schaffen wir die zeitnahe Umstellung oder sind wir Schlusslicht?

Endlich, endlich bekommt Deutschland ein schnelles Funknetz. Mobiles Internet mit 5G ist in USA und Asiens schon längst Realität. Bald gibt es das auch bei uns. Es werden 5G Frequenzen vergeben und Sendemasten aufgestellt. Dann kann es ja losgehen oder etwa doch nicht?

Die fünfte Generation des Mobilfunknetzes verspricht viel. Die Veränderungen sind scheinbar evolutionär. Schauen wir uns die Fakten an: 5G ist 100-mal schneller als das aktuelle 4G-System (LTE). Das ist wichtig für die moderne Gesellschaft. Weil wir unseren Lebensraum vernetzen, Echtzeitanwendungen wie automatisiertes Fahren vorantreiben oder durch das Internet der Dinge Alltagsgegenstände mit dem Internet verknüpfen wollen. Die Reaktionsgeschwindigkeit soll – ähnlich dem menschlichen Nervensystem – in Millisekunden stattfinden. Das ermöglicht Kommunikation in absoluter Echtzeit! Klingt vielversprechend und rückt 5G näher ins Blickfeld.

 

Aber Halt so einfach ist es nicht. Denn Mobilfunk ist ein „Shared Medium”, also je mehr Menschen sich in eine Funkzelle einwählen, desto weniger Bandbreite steht für den Einzelnen zur Verfügung. Dass das zum Problem werden kann, kennen wir zum Beispiel mit Verbindungsproblemen bei Großveranstaltungen. Das neue 5G-Netz kann hier mehr Mobilfunkverkehr verteilen und diesem Problem entgegentreten. Auch die Anzahl der vernetzten Geräte lässt sich leichter mit 5G skalieren. Und das ist wichtig, denn laut einer Prognose des Netzwerkausrüster Cisco steigt die Anzahl mobiler Geräte und Verbindungen 2022 pro Kopf von 2,5 auf 3,9. Das heißt, jeder Deutsche wird zukünftig mit fast 4 Geräten online sein und mit diesen Endgeräten Daten sammeln sowie senden. Das wird eine Menge an Datenverkehr mit sich bringen! Cisco schätzt, dass sich der mobile Datenverkehr in Deutschland pro Einwohner bis 2022 mehr als verdoppeln wird. Das heißt, der neue Standard wird entscheidend sein, unseren Bedarf an Informationsaustausch jeglicher Art zu decken.

Entscheidend ist auch, wie schnell Deutschland die fünfte Generation des Mobilfunks im Land umsetzt und diesem Bedarf gerecht wird. Spätestens in zwei Jahren, nämlich 2022, müssen laut Bundesnetzagentur alle, die 5G-Lizenzen ersteigern, 98 Prozent der Haushalte (je Bundesland) mit 100 Megabit pro Sekunde versorgen. Als Unternehmer in Brandenburg macht mich das besonders hellhörig.

Kommt 5G auch in Brandenburg an?

Die tatsächliche Abdeckung von 4G (nach Nutzerinformationen) sieht nach aktuellem Stand im Raum Potsdam und Umgebung zum Beispiel so aus:

Weiß sind die Flächen ohne Verbindung. Das wirkt ziemlich löchrig. Viele Brandenburger haben schlicht und ergreifend immer noch kein 4G. Dabei gibt es diesen Mobilfunkstandard bereits seit 2011. Das ist ein Trauerspiel für die lokale Wirtschaft und Politik. Wer sich fragt, ob die fünfte Netzwerk-Generation die Lücken schließt, wird auf die Antwort warten müssen.

Doch es gibt erste positive Nachrichten. In Brandenburg gab es im Oktober den ersten Sendemast für 5G in Bernau. Vodafone, einer der vier großen Telekommunikationskonzerne, die 5G-Lizenzen erworben haben, nutzt diesen neben 60 anderen Stationen für den bundesweiten Probebetrieb. Allerdings sind 60 Standorte nicht sonderlich viel. Im Gegenteil eher lachhaft. Nur sehr wenige in Deutschland werden davon profitieren. Die Reichweite der 5G-Sendemasten beträgt nämlich im Allgemeinen nur 800 Meter. Im Vergleich dazu: LTE hat rund drei Kilometer Reichweite.

Für ein flächendeckendes Angebot mit 5G ist ein dichteres Netz von Sendeanlagen erforderlich. Dafür sind allein in Brandenburg nach heruntergerechneten Schätzungen des Branchenverband Bitkom 60.000 bis 70.000 neue Masten nötig. Und wie viel Masten gibt es bisher in Brandenburg? Das Bundesland hat 2886 Mobilfunkstandorte (Stand 2018, Bundesnetzagentur) zur Verfügung. Nach Plan müssen die vier großen Telekommunikationsanbieter bis 2022 mit dem Aufbau der Infrastruktur fertig sein. Dann nämlich soll der Standard für ganz Deutschland verfügbar sein. Zwei Jahre für mindestens 57.000 neue Masten. Na ja, die Zahl spricht für sich.

Was macht der Staat eigentlich hinsichtlich 5G? 

Es reicht aber nicht, nur die Privatunternehmen in die Pflicht zu nehmen. Auch der Staat hat seinen Teil zu der Netzabdeckung beizutragen. In sechs Modellregionen investiert der Bund insgesamt 44 Millionen Euro, in Brandenburg ist es die Lausitz.

Der Rest von Deutschland geht aber nicht leer aus. Im Haushaltsplan für 2020 sind immerhin für digitale Infrastruktur Gelder in Höhe von 1,05 Milliarden Euro geplant. Für den Vergleich: 2019 stand lediglich ein Bruchteil – und zwar 217,74 Millionen Euro – zur Verfügung. Das heißt, für den flächendeckenden Breitbandausbau sollen über 800 Millionen Euro mehr fließen als im aktuellen Jahr. Das ist schon mal ein Anfang.

Mit diesen Zahlen im Hinterkopf scheint die Idee, einer guten Netzabdeckung von 5G immerhin denkbar. Aber das reicht nicht! Deutschland wird Probleme haben, die neue Mobilfunkgeneration lückenlos aufzustellen. Viel zu spät haben wir angefangen, uns mit 5G oder gar mit Digitalisierung auseinanderzusetzen. Estland, als ein gutes Beispiel für den Umgang mit diesen Themen, habe ich bereits im vorletzten Beitrag erwähnt. Auch hier gibt es viele abgelegene Gebiete (Es ist tatsächlich eines der dünn besiedelsten Länder in Europa). Aber selbst im estnischen Urwald gibt es Highspeed Internet. Und wo steht Deutschland, wenn es um Mobilfunk-Abdeckung geht? Wir schaffen es seit Jahren nicht, 4G flächendeckend anzubieten. Frankfurt/Oder zum Beispiel, um in Brandenburg zu bleiben, hat laut OpenSignal mit 47,5 % die schlechteste 4G-Abdeckung deutschlandweit. Und hier leben ca. 60.000 Einwohner, also nicht vergleichbar mit dem estnischen Urwald. Es zeigt sich ganz klar, dass der Weg zum Aufholen beim Thema mobiles Internet einfach zu weit ist.

Was ist mit gesundheitlichen Bedenken? Ist 5G schädlich?

Offen bleibt auch die Frage der gesundheitlichen Schäden der elektromagnetischen Strahlung. Der Ausbau von 5G wird in der Bevölkerung nicht von jedem begrüßt. Ob diese Bedenken gerechtfertigt sind, müssen Experten mithilfe von Studien beurteilen. Bisher konnten gesundheitsgefährdende Effekte allerdings nicht nachgewiesen werden. In einer Stellungnahme des Bundestages zu diesem Thema ist „trotz umfangreicher Untersuchungen kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Mobilfunk und den gesundheitlichen Auswirkungen bestätigt”. Vergessen wir an dieser Stelle nicht, dass sich Mikrowellen, WLAN oder die Handynutzung an sich ebenso in diesem Frequenzbereich bewegen und wir hier bereits elektromagnetischen Wellen ausgesetzt sind. Aber wollen wir darauf verzichten?

Fakten zum 5G-Netzausbau

Im Sommer diesen Jahres hat die Bundesnetzagentur die ersten Frequenzen für 5G vergeben. Die Nachfrage ist größer als das tatsächliche Angebot, sodass aufgrund der Knappheit die Frequenzen versteigert werden mussten. Für unglaubliche 6.549.651.000 € sind die Frequenzbänder bei Drillisch Netz (1&1), Telefónica (o2), Telekom und Vodafone weggegangen. Das Geld geht in den Topf, der den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland finanziert. Parallel zum Vergabeverfahren gibt es Zuteilungen zur lokalen und regionalen Nutzung mit einer anderen Frequenzhöhe. Deutschland ist hier ausnahmsweise sogar Vorreiter. Nicht in allen Ländern sind lokale (zum Beispiel firmeneigene) 5G-Mobilfunknetze angedacht. Konzerne wie BMW, Volkswagen, Siemens, BASF und Bosch haben hier schon Interesse angedeutet.

Fazit:

Wie 5G Deutschlands Zukunft prägen wird, hängt davon ab, wie schnell wir den Umstieg von LTE tatsächlich schaffen. Fakt ist, dass sich die Mobilfunknutzung steigert und höhere Bandbreiten stärker gefragt werden. Unter Berücksichtigung der Bedenken der Bevölkerung muss Deutschland schneller und effizienter den Ausbau des neuen Standards vorantreiben. Funklöcher müssen der Vergangenheit angehören und auch im Ländlichen sollte es eine gute Abdeckung geben. Andere Länder zeigen uns hier, wie es geht. Die fünfte Generation des Mobilfunks darf in Deutschland nicht eine entfernte Utopie sein. Eine Idee ist es, lokal ansässige Unternehmen oder Gemeinden eigene regionale Netzwerke aufbauen zu lassen. Das ist ein wichtiger Schritt. Nur mit flächendeckender 5G-Abdeckung kann sich Brandenburg technologisch und wirtschaftlich zu einem attraktiven Standort weiterentwickeln.

 

Autor:        Stephan Goericke, CEO der iSQI GmbH